Samstag, 18. Oktober 2014

ist ADHS eine Verlegenheitsdiagnose?

ADHS   –    eine Verlegenheitsdiagnose?



Den Begriff ADHS, ADS oder auch hyperkinetische Störung haben schon sehr viele Menschen, besonders Eltern, gehört. Er führt häufig zu Verwirrung, kann aber auch zu Beruhigung führen, da diese Diagnose schon sehr bekannt ist.
Zu Beginn erläutere ich kurz die Fachbegriffe.
Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat einen Katalog zum Diagnostizieren aller Krankheiten entworfen, die ICD (internationale statistische Klassifikation der Krankheiten).  Die aktuelle nennt sich ICD-10, da sie immer weiter entwickelt wurde und nun in der 10. Auflage aktualisiert ist. Unter dem Kapitel F werden Psychische- und Verhaltensstörungen kategorisiert. Unter K z.B. Krankheiten des Verdauungssystems. Das heißt also, die ICD-10 beschränkt sich nicht nur auf psychische Krankheitsbilder.
Über die ICD-10 wird häufig diskutiert, da viele Personen annehmen, dass sich psychische Störungen nicht dermaßen leicht in Kategorien aufteilen lassen und viele die Befürchtung haben, der Mensch wird hinter seiner Diagnose nicht mehr erkannt.
Darüber kann man jedoch an anderer Stelle schreiben und diskutieren.

In der ICD-10 wird die Diagnose AD(H)S wie folgt unterteilt:
https://adhs-zentrum.de/ADHS/Die_Klassifikation_nach_ICD_10.php.
Dies wirkt auf den ersten Blick und besonders für Laien sehr unverständlich. Ich werde versuchen mit Prägnanz einiges zu erläutern.
Unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom F.90) sind Verhaltensweisen gemeint, bei denen sich eine Konzentrationsschwäche äußert, in der das Kind körperlich sehr aktiv ist, es ihm schwer fällt längere Zeit am Tisch zu sitzen ohne zu kippeln, ohne auf einem Stift herum zu kauen, ohne mit den Füßen permanent zu wackeln, ohne aufzustehen und ohne dauernd etwas in den Händen zu bewegen.
Unter ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom F.98.8) sind Verhaltensweisen gemeint, bei denen sich eine Konzentrationsschwäche äußert, in der das Kind an andere Dinge denkt, als es sollte. Zum Beispiel soll das Kind Zähne putzen. Die Eltern müssen das Kind sehr häufig wiederholt darauf aufmerksam machen ins Bad zu gehen, aber auf dem Weg dorthin findet das Kind eine neue Beschäftigung. Es muss wieder erinnert werden und im Bad vergisst es sogar, wo die Zahnpasta steht. Das Kind wirkt verträumt und wie in einer anderen Welt.

Beide Verhaltensweisen lösen im nahen Umfeld häufig Wut und Hilflosigkeit aus da man als Eltern alles versucht, um die Konzentration des Kindes „festzuhalten“ und „zu bündeln“. Das wiederholte Bitten sich auf etwas zu konzentrieren, eine Sache zu Ende zu bringen oder nicht schon wieder den Turnbeutel zu vergessen, lässt die nahen Personen schier verzweifeln. Das Kind wird oft unter Druck gesetzt mit Bestrafungen, wenn es besser läuft mit Belohnungen. Manche Kinder wirken schon fast immun gegen beides. Ein Teufelskreis mit viel Emotionen kann beginnen.

In unserer Praxis stellen sich oft Familien vor, in denen das Kind die Diagnose schon erhalten hat! Leider häufig von unqualifizierten Personen, an erster Stelle von Lehrern. Lehrer haben keinerlei Ausbildung, um eine Diagnose vergeben zu können, egal welche. Die Erfahrungen mit Kindern möchte ich den Lehrern und Lehrerinnen nicht absprechen, aber bitte lassen Sie sich als Eltern keineswegs davon überzeugen ohne vorher eine gesicherte Diagnose bekommen zu haben. Diese Diagnostik lässt sich z.B. von einer sozialpsychiatrischen Praxis oder einem/einer approbierten Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten/in durchführen.

Die verschieden Schulen der Psychologie haben verschiedene Sichtweisen und auch verschiedene Behandlungsansätze zu AD(H)S. Manche sprechen von „angeborenen“ Anteilen, andere von „Bindungsproblematiken“ andere machen Medienkosum für die Krankheit mitverantwortlich.

Damit möchte ich sagen, dass es wichtig ist, sich ein Kind genau anzusehen und es klinisch zu diagnostizieren, bevor man auf die Idee kommt, dass sein Kind mit Medikation weniger Schwierigkeiten hat.
Wenn sich nach der klinischen Diagnostik herausstellt, dass das Kind an einer hyperkinetische Störung leidet, können Medikation und die begleitende Therapie sehr hilfreich sein!
Es geht in meinen Augen darum, nicht zu pauschalisieren weder in die eine noch in die andere Richtung. Es gibt Kinder, die an einem AD(H)S leiden, aber es sind weit nicht so viele, wie die, die Diagnose inne haben.


Die Autorin Daniela Penkwitz ist Erzieherin, Dipl. päd ,  Kinder- und Jugendlichentherapeutin i. A.





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